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In diesem Artikel werden die typischen Wohnviertel „Longtang“ und „Shikumen“ in Shanghai dargestellt.

Architekten aus aller Welt kommen nach Shanghai, um die höchsten Wolkenkratzer undneue Städte zu bauen und um nie zuvor gesehene Projekte zu realisieren. Und um Chancen zu nutzen, die es so in ihrer alten Heimat schon lange nicht mehr gibt. Es herrscht eine Erneuerungswut und ein Bauboom in Shanghai wie zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts – nur noch viel umfassender.
Dem fällt manches zum Opfer, was einmalig war in Shanghai - inzwischen allerdings heruntergekommen und vor allem nicht mehr profitabel.

Nicht nur der „Bund“ mit seiner typischen europäischen Archtektur ist bemerkenswert, sondern auch die nur in Shanghai zu findende, organische Mischung aus westlichen und chinesischen Archtekturelementen, die es in dieser Art sonst nirgendwo in China gibt.

Die Rede ist von den „Longtang“ und den „Shikumen“ in Shanghai.

„Longtang“ [manchmal auch synonym „Lilong“] ist ein in Shanghai gebräuchlicher Ausdruck und beschreibt nur dort vorkommende, typische, enge Straßen oder Gassen in den voneinander durch Mauern abgegrenzten Wohngebieten.
Oft wird der Begriff auch gleichbedeutend für ein Wohngebiet mit „Longtang“ verwendet.

Mit „Shikumen“ wird eine spezielle Form von „Longtang“ beschrieben. Der Name leitete sich von den dort vorkommenden steinernen Tor- und Türrahmen der Eingänge zu den Gassen und/oder Häusern ab.
Auch hier wird das Wort „Shikumen“ oft synonym für das ganze Wohngebiet verwendet.

Wenn von Beijing die Rede ist, ist auch bald die Rede von den Hutong – den Gassen und Siedlungen, die gebildet wurden, durch die Aneinanderreihung von meist einstöckigen Vier- Seiten- Höfen.
Wenn man von Shanghai redet, wissen die Wenigsten etwas über die „Longtang“ und die „Shikumen“ zu berichten.

Um ein besseres Verständnis, der Bedeutung und der Entwicklung der „Longtang“ und „Shikumen“ in Shanghai zu erhalten, müssen wir einen kurzen Blick in die Geschichte der Stadt Shanghai werfen.

Nach der Niederlage Chinas im Ersten Opiumkrieg [1839 - 1842] wurde Shanghai am 17. November 1843 zu einem „Vertragshafen“, was bedeutete, daß neben dem durch das chinesische Kaiserreich nicht mehr behinderten Handel in der Folge auch ausländische Niederlassungen in Shanghai erlaubt wurden.

Diese Niederlassungen befanden sich nördlich und westlich der eigentlichen Stadt Shanghai.

Von 1845 – nach der Erlassung einer entsprechenden Verordnung durch das chinesische Kaiserreich - bis 1849 kam es zur Bildung der britischen, us-amerikanischen und französischen Konzessions- und Siedlungsgebiete.

Im September 1853 brachen in Shanghai unter dem Einfluß des Taiping- Aufstandes ebenfalls Unruhen aus, die viele Chinesen veranlaßten, aus dem unsicheren, chinesischen Stadtgebiet in das ruhige und sichere Gebiet der ausländischen Kozessionen zu fliehen, da diese besondere Rechte und Schutz genossen.

Im Jahr 1862, als der Bürgerkrieg Zhejiang und Jiangsu erreichte, flohen etwa 500 000 Menschen aus diesen Gegenden in die Konzessionsgebiete um Shanghai, was jenen einen weiteren, enormen Entwicklungsschub vermittelte.

Obwohl es anfänglich unterschiedliche Meinungen unter den ausländischen Siedlern darüber gab, wie man mit diesen Zuwanderungen umgehen sollte, arrangierte man sich letztendlich schnell, da man die Möglichkeiten erkannte, durch Landvermietung und Hausbau enormen Profit zu machen.

Mit der wachsenden Stadt wuchsen auch die administrativen Probleme wie öffentliche Sicherheit, Versorgung und Entsorgung, Besteuerung usw. Deshalb wurde schon 1854 eine moderne Stadtverwaltung nach westlichen Vorbildern in den Konzessionsgebieten etabliert.

Um dem wachsenden Wohnungsbedarf gerecht zu werden und um billig und schnell zu bauen und den Profit zu steigern, wurden standardisierte Reihenhäuser erichtet. Diese waren den Arbeiterwohnungen in London und Manchester nachempfunden.
Eine bestimmte Anzahl von Hausreihen wurde jeweils in mit Mauern umgebene Einheiten zusammengefaßt. Das war die Geburtsstunde der „Longtang“.

Weil die anfänglich aus Holz errichteten Häuser aber eine große Brandgefahr darstellten, ging man bald dazu über, hauptsächlich aus Ziegeln errichtete Häuser zu bauen.
Damit änderte sich oft auch das Grundmuster der Reihenhäuser. Neben den typischen „englischen“ Reihenhäusern gibt es seitdem auch Häuser, in deren Layout es zu der markanten Verschmelzung chinesischer und europäischer architektonischer Elemente kam, die so typisch für die „Longtang“ in Shanghai ist.
Die 2 bis 3 stöckigen, aus Ziegeln errichteten Hauser sind in der Grundform oft dem chinesischen Hausstil mit Hauptgebäude, Seitenflügel und Innenhof nachempfunden. Viele Häuser hatten auch Balkons. Neben einer Küche gab es auch Waschräume mit Innentoiletten.

Oft waren mehrer Häuserzeile mit den durch sie gebildeten Gassen entlang einer zentralen Gasse wie Fischgräten angeordnet.
Von einer Straße der Stadt gelangte man durch ein Gittertor in der Ummauerung des Wohnviertels in eine zentrale Gasse, von dort in die untergeordneten Gassen und von da schließlich in die einzelnen Häuser.
Seit dem Ende der Qing- Periode, aber besonders in den 20er und 30er Jahren des vergangen Jahrhunderts, gab es eine weitere markante Verschmelzung westlicher und chinesischer Stilelemente – die „Shikumen“.
Die Shikumen“ sind steinernen Tor- und Türrahmen der Eingänge zu den Gassen und/oder Häusern. Sie waren oft mit klasszizistischen oder barockisierenden Elementen geschmückt, aber auch traditionelle Ziegelschnitzerei kam vor. Die in schwarzer Farbe gehaltenen zweiflügeligen Holztore oder Türen mit ihren bronzenen Beschlägen erinnerten wiederum an typische chinesische Tore.

Als bemerkenswerte Besonderheiten in Bezug auf die „Longtang“ soll hier noch folgendes erwähnt werden:
„Longtang- Villen“ waren die Wohnungen von reichen Chinesen, die Ihren Reichtum aber aus Furcht vor Mißgunst, Neidern und Dieben nicht zur Schau stellen wollten. Äußerlich sahen sie oft den anderen Hausern ähnlich, nur im Inneren waren sie geräumiger und prächtig ausgestattet.

Bis zu Beginn der 1930er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es in den „Longtang“ sogar Banken, Import- und Exportfirmen, die vorwiegend von Händlern aus Guangdong und Ningbo betrieben wurden. Allerdings waren diese „Longtang“ wesentlich repräsentativer als die, die gewöhnlich für Wohnzwecke errichtet wurden. Als diese Unternehmen in neue Gebäude umzogen, wurden ihre alten Niederlassungen allmählich in Wohngebäude umgewandelt.

In den „Longtang“ gab es darüber hinaus auch noch Lebensmittelhandlungen, Restaurants, Friseure, Verkäufer von heißem Wasser, Schneidereien, aber auch Handwerksbetriebe und mechanische Werkstätten. Einige der heute noch namhaften Shanghaier Fabriken haben hier ihren Ursprung.

Die sogenannten „Xin Shi Longtang“ [„Longtang Neuen Stils“] aus den 30er und 40er Jahren des vergangen Jahrhundrts haben keine Steintore mehr und sind etwas weiträumiger angelegt. Eine noch großzügigere, komfortablere Form sind die „Garten-Li Long“ - Häuserzeilen mit Vorgärten.

Im Laufe der Zeit wurden zahlreiche „Longtang“ gebaut, nicht nur in den ausländischen Konzessionsgebieten, sondern auch in den chinesischen Vierteln drumherum.
„Longtang“ waren bis vor 20 Jahren noch das typische Erscheinungsbild Shanghais.
Selbst heute, nachdem viele „Longtang“ bereits abgerissen wurden, kann man aus der Vogelperspektive noch die Reihen vieler „Longtang“ sehen.

So wie die Gesellschaft in unterschiedliche soziale Schichten gegliedert ist, so konnte man natürlich auch „Longtang“- Häuser in unterschiedlichen Standards finden. Im Allgemeinen werden sie heute in die Kategorien „hochwertig“, „mittelklassig“ und „geringwertig“ eingeordnet.
Sie unterschieden sich nicht nur in ihrer Wohnqualität, sondern auch in ihrer Lokalität.

So waren z.B die „Longtang“- Häuser in den Bezirken Zhabei und Nanshi die, mit der geringsten Qualität. Als mittelwertig galten beispielsweise Häuser im Bezirk Hongkou, während die „Longtang“ entlang der „Bubbling Well Road“ (heute Nanjing Road West) und der Avenue Joffre (heute Huaihai Road) als die besten galten.
Auch in Shanghai ließ sich aus dem Wohnort auf den sozialen Status eines Menschen schließen.

Durch das ständige Bevölkerungswachstum der Stadt wurde das Wohnungsproblem in Shanghai immer größer.
Mit der Absicht, die Mietkosten zu teilen, wurden nicht nur in den „Longtang“ der unteren Schichten, sondern auch in denen der unteren Mittelschicht und der gehobenen Mittelschicht Untervermietungsverhältnisse errichtet. Dazu wurden Zimmer geteilt und zahlreiche An- und Aufbauten an den Häusern vorgenommen.
Jede Einheit, die ursprünglich nur für eine Familie errichtett war, wurde bald von mehreren Familien bewohnt.
Küchen und sanitäre Einrichtungen wurden somit hoffnungslos überfordert.

Im März 1927, im 16. Jahr der Republik China und mitten in den Bürgerkriegen, wurde nach dem dritten bewaffneten Aufstand der Arbeiter in Shanghai die „Provisorische Shanghaier Regierung“ gegründet. Diese etablierte eine Kommission, die die Probleme der Stadtentwicklung analysierte. Daraus entstand der als “Great Shanghai Scheme” oder auch als“New Shanghai Development Scheme”bekannte Entwicklungsplan für die Stadt. Es war der erste umfassende Plan für eine Stadtentwicklung in Shanghai überhaupt.

Spätestens mit der japanischen Invasion am 12. Januar 1932 mußten aber die Ziele des Plans zur Stadtentwicklung aufgegeben werden.

In den 1940er Jahren hatte Shanghai bereits eine Bevölkerung von etwa viereinhalb Millionen Einwohnern. Abgesehen von den sehr reichen [etwa 5 %] und den sehr armen [etwa eine Million] lebte der Großteil der Bevölkerung [etwa 3 Millionen] in den „Longtang“.

Um China zu stimulieren, im Kampf gegen die Japaner verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, entschlossen sich die USA und Großbritannien 1943 ihre ausländischen Konzessionen und Niederlassungen in Shanghai, die ja inzwischen von den Japanern besetzt waren, an China zurückzugeben. Kurz darauf folgte auch Frankreich diesen Bemühungen. Aber erst mit der bedingungslosen Kapitulation Japans im September 1945 fielen die Konzessionsgebiete wirklich wieder an China zurück.

Als sich der nach 1945 wieder entflammte Bürgerkrieg zu Ungunsten der Guomindang- Regierung zu entwickeln begann, flohen neben der Regierung, die große Mengen Geldes mitnahm, auch viele reiche Unternehmer aus der Stadt nach Taiwan, Hongkong und Südostasien.
Auf diese Weise wurden der Stadt wesentliche finanzielle Mittel entzogen.

Auch die nachfolgenden Jahre waren für die Entwicklung der Stadt nicht besonders förderlich. Bis 1979 war die Hauptaufgabe der Stadt Shanghai, die Entwicklung der anderen Teile des Landes zu unterstützen. Das führte dazu, daß die Entwicklung der Stadt und ihrer Industrie stagnierte. Die Industrie veraltete, Straßen und Wege konnten nicht umfassend rekonstruiert werden, Wohnungsbau und der Bau öffentlicher Einrichtungen konnte mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt halten.
Daraus resultierte, daß die Bedingungen in den „Longtang“ immer prekärer wurden.

Das änderte sich erst mit er „Öffnungspolitik“ Chinas.
Mit den neuen Möglichkeiten einer „marktorientierten“ Wirtschaft setzte auch ein Bauboom ein, der die Struktur der Stadt und ihr Aussehen völlig veränderte.

Ob das aber immer zum Wohle der der dort lebenden Menschen und dem Charakter der Stadt war, darf zumindestens nachgefragt werden.

Nachdem große Teile der „Longtang“ abgerissen und durch neue Bauten ersetzt worden waren, die nicht nur Wohnzwecken dienten, wurden immer mehr Stimmen laut, die nach einem besseren Umgang mit dem Erbe riefen.

Als im Jahre 2000 der neue Stadtentwicklungsplan beschlossen wurde, wurden auch diese warnenden Hinweise berücksichtigt.
In ihm werden die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung, des Umweltschutzes und des Denkmalschutzes betont.

Der Plan sieht vor, daß “Longtang” die sich in relativ gutem Zustand befinden, erhalten bleiben, modernisiert und weiterhin als Wohnraum genutzt werden sollen.
„Longtang“ in schlechtem Zustand werden abgerissen und „Longtang“ in einem Zustand dazwischen, sollen zwar in ihrem äußeren, ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten bleiben, innerlich können sie aber verändert und dann einer neuen Nutzung zugeführt werden.

Eines der bekannteste Beispiele für die neue Nutzung alter Substanz in Shanghai ist das aus den 1920 – 1930er Jahren stammende, heute „Xintiandi“ [Neue Welt] genannte Viertel – in der Gasse Nr. 181 der Taicang Lu. [Siehe hierzu unseren Artikel Xintiandi.]

Ein Beispiel für die weitere Nutzung sanierter „Longtang“ zu Wohnzwecken sind die 1932 gebauten, „Jing’an“ genannten „Longtang Neuen Stils“ in der 1025 Nanjing Lu. Der diesem Eingand gegenüberliegende Zugang ist 625 Weihai Lu. Hier leben nun in 949 Haushalten etwa 3000 Personen.


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