Über chinesische Malerei 
Ein vollendetes chinesisches Tuschebild trägt verschiedene Aufschriften des Malers, wie etwa seinen Namen, den Titel des Bildes und seinen Siegelabdruck. Manchmal wird es auch mit eigenen Versen versehen. Nach Fertigstellung des Bildes wird es durch eine weitere Lage Papier verstärkt, die man auf die Rückseite aufklebt. Dadurch treten die Farben klarer und kräftiger hervor. Im Altertum galt das Aufkleben als der letzte Arbeitsgang.
Die chinesische Malerei beruht auf dem freien Skizzieren, nicht auf dem genauen Zeichnen nach der Natur. In der chinesischen Malerei herrscht die Vorstellung, daß beim Malen nach der Natur ein gewisser Widerspruch zwischen Objekt (dem zu malenden Gegenstand) und Subjekt (dem Maler) besteht. Ziel ist es, die subjektiven Vorstellungen und das darstellende Objekt im freien Skizzieren zur Harmonie zu bringen. Basierend auf diesen Gedanken, hat sich die chinesische Malerei allmählich aus Feinzeichnung zur Tuschemalerei und schließlich zur Malerei im Xieyi-Stil (durch feine, ohne Berücksichtigung von Details das Wesen erfassende Pinselführung gekennzeichneter Stil) entwickelt.
Der absichtlich freigelassene Raum ist ein wichtiges Ausdrucksmittel der chinesischen Malerei, das es dem Betrachter ermöglicht, sein Vorstellungs-vermögen zu entfalten. Freier Raum in einem Bild mit Fischen suggeriert Wasser, in einem Landschaftsbild Wasser oder Wolken. Auch der Farbton der Tusche sendet dem Betrachter ein Signal z.B. Ruhe, Würde und Harmonie.
In der chinesischen Malerei verbinden sich Poesie und Malerei zu einer Einheit. Ein Künstler überträgt häufig die Ausdrucksmittel der Poesie in die Malerei und verleiht damit seinem Bild so eine poetische Stimmung, die seine Gefühle und Gedanken ausdrückt. Dies ist eine Form des künstlerischen Ausdrucks, die in China entstand und entwickelt wurde und parallel zur realistischen und abstrakten Kunstrichtung als dritte Kunstrichtung existiert. Sie besteht darin, die Vorstellung bzw. Erkenntnisse der Künstler von den Dingen in der objektiven Welt bildlich darstellen und dadurch Subjekt und Objekt vollkommen miteinander zu verbinden.
Aus alldem geht hervor, daß der chinesische Maler sein Bild immer auswendig malt, er kennt kein Modell. Deshalb ist sein Atelier ein leeres Arbeitszimmer, das zur geistigen Vertiefung geeignet ist. Jedes einzelne Bild wird natürlich durch langwierige und sich sehr oft wiederholende Übungen vorbereitet. Auch diese Übungen bestehen nur aus vielen auswendig gemalten Bildern.
Qi Baishi, der größte chinesische Maler des 20. Jahrhunderts, verweilte lange Zeit in seinem Landhaus und später im kleinen Garten und am Wasserbecken seines Hauses in Peking bei der Beobachtung von Blumen und Pflanzen, von Fischen und Krebsen. Tagelang konnte er am Wasserbecken sitzen und die kleinen Lebewesen betrachten. Wenn er sich in seinem Arbeitszimmer an den Tisch setzte, hatte er schon die fertigen Kompositionen im Kopf. Lange meditierte er über dem leeren Papier, oft eine Stunde lang. Dann griff er zum Pinsel, und das Bild war in unglaublich kurzer Zeit, sozusagen in Minuten, fertig.
Die chinesische Malerei unterscheidet sich sowohl in Form als auch Inhalt wesentlich von der westlichen. Im Mittelpunkt der westlichen Tradition stand über Jahrhunderte die realistische Darstellung nach anatomischen und perspektivischen Prinzipien. Die chinesische Malerei versucht hingegen, in der Darstellung eines Objekts die Gedanken und Gefühle des Künstlers transparent werden zu lassen. Die westliche Malerei mit ihren starken visuellen Effekten von Licht und Farbe erschließt sich dem Betrachter unmittelbar. Der Weg zu den inneren Gedanken des Malers führt in der chinesischen Malerei über den Inhalt, den Farbton und den Strich.
Die Perspektive von einem chinesischen Tuschebild kennt keinen einheitlichen festen Fluchtpunkt. Die Betrachtung erfolgt vielmehr entweder aus der Vogelperspektive, von weit oben her, oder vom Vordergrund im Hinblick auf die fernen Gipfel. Ebenso können verschiedene Blickwinkel gewählt werden, um den Blick auf Ziele zu lenken, denen besondere Bedeutung zukommt.
Lektüre in den Bergen
von Wang Jia Nan
Das Bild zeigt, wie alle Bildelemente gemeinsam zur Atmosphäre beitragen. Der Gelehrte in seiner entlegenen strohgedeckten Hütte ist von Wasser und Bergen umgeben, die er so liebt. Die einzige Verbindung zur Außenwelt geht über eine wackelige Brücke.
Blick in die Ferne
von Wang Jia Nan
Das Bild zeigt, wie man die Malweise für entfernte Berge bei einem stärker ausgearbeiteten Werk verwenden kann. Die Komposition mit Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund ist gut ausgewogen. Der geschickte Einsatz von Tusche und Wasser vermittelt den Eindruck eines Rückzugs in die Tiefe. Diese unterstreicht die einsame Gestalt des Gelehrten, der zum Horizont blickt. Hätte der Künstler weitere Details in den Hintergrund aufgenommen, wäre das Gefühl von Räumlichkeit und Isolation verlorengegangen.
Horchen auf das Rauschen des Wasserfalls
von Wang Jia Nan
Die Stimmung der beiden Gelehrten, die auf das Rauschen des Wassers hören, wird von der Tuschearbeit perfekt zum Ausdruck gebracht. Überall im Bild spürt man die Kälte der einsetzenden Nacht. Die Komposition mit ihren zahlreichen sparsamen Elementen ist äußerst interessant. Sie gleicht einem Fries, der eine Geschichte erzählt. Der schmale Wasserfall zwingt den Sturzbach zu noch größerer Kraft. Er explodiert geradezu neben den beiden Männern, die Wein trinken und an ferne geliebte Menschen denken. Der hohe Baum, dessen Äste sich vor dem wäßrigen Himmel abheben, gleicht einem Wächter, der den Weg verstellt.
Wasserfall im Frülingsgebirge
von He Bai Li
Dies ist eine reine Tuschemalerei im freien expressiven Stil. Der Pinsel veranstaltet einen fröhlichen Tanz über das Papier und unterläßt seine feuchten Abdrücke entlang des Weges. Die Energie wird auch durch den wilden, rauschenden Wasserfall ausgedrückt. Er ähnelt einem unermüdlichen Menschen, der ständig vorwärts drängt, ganz gleich, wie groß die Schwierigkeiten sind.
Frühlingsbambus
von Cai Xiaoli
Dieses Bild entstand ausschließlich mit dem " sorgfältigen Pinsel" und Pigmenten auf Kupferbasis. Solch eine Arbeit erfordert die absolute Beherrschung des Mediums und eine detaillierte Kenntnis der Pflanze. Beachten Sie, daß jedes Blatt sich anders dreht, weil es einen winzigen Luftzug erhält. Das erzeugt ein heiteres Frühlingsgefühl.
Landschaftsbild
von Fu Bao De
Die Unterteilung der traditionellen Landschaftsrolle erfolgte meistens in drei waagerechte Abschnitte, wie bei diesem Beispiel von Fu Bao De aus der Qing-Dynastie. Die analytische Skizze zeigt, daß drei Brennpunkte vorhanden sind: der Pavillon im Vordergrund, das Vorgebirge im Mittelgrund und die Berge im Hintergrund. Dies ist jedoch keine feststehende Regel.